Patchwork Family

Sah man den Kaiser früher gelegentlich in neuen Kleidern, so laufen seine ungekrönten Nachfahren heute in einer Mode wie im Straßenkarneval oder beim Christopher’s Street Day herum. Und hier wie dort mischen sich die Beteiligten aus den unterschiedlichen sexuellen Orientierungen.

Solange die Party auf offener Straße stattfindet, sind Probleme heute selten; zumindest im aufgeklärten, urbanen Umfeld. Bei ernsteren Absichten aber bleiben die Orientierungen lieber unter sich, Querverbindungen über die Grenzen hinweg sind eher selten.

Mit dem Geld ist es wie mit der Macht. Je mehr an Papiergeld aufgeschichtet wird, desto mehr glaubt man angesichts der großen Stapel, dass auch die Sicherheit des Systems und der Wohlstand entsprechen groß sind. Dabei hat man nichts anderes, als Papiergeldillusionen, die durch Kreditpyramiden geschaffen werden.
Und auf den Pyramiden sitzen die Notenbanker und glauben daselbst wieder daran, dass diese enormen Papiergeldillusionen etwas anderes schaffen als viele, ohne sie nie entstandenen realen Projekte, die dann letzten Endes sich als nichts anderes erweisen, als Projekte, die nur noch aufrecht zu erhalten sind durch das, was eigentlich in der Realwirtschaft unerwünscht ist, nämlich durch Wertverfall. Das vorläufige Ende der Illusion ist dann: besser noch ein bisschen Wert als gar keinen.

In der Aktienwirtschaft wird das als ein fallendes Messer bezeichnet, von dem man tunlichst seine Finger lassen sollte. Aus der frühen Bildung wissen wir, was solche Prozesse hervorbringen, nämlich Scheinriesen wie den Herrn Tur Tur aus Jim Knopf und die Augsburger Pupenkiste.

Illusion erzeugt Illusion. Daran ändert auch nichts, dass viele unterschiedliche Beiteiligte ihre Mitwirkung anbieten und auch mal gerne der Illusion nachgehen, ein Riese zu sein; am Ende erweisen sich die Riesen als eine Horde Zwerge.
So haben die Notenbanken bislang schon eine ganze Patchworkfamilie zusammengekauft aus Politik, Finanzwirtschaft und Realwirtschaft, die alle am Humunclus fleißig schaffen.
Wäre man in der Finanzkrise der Taylor-Regel konsequent gefolgt, hätte die Berechnung des Notenbank-Zinses -5% ergeben1 . Ein irrer Wert.

Ebenso irre scheinen auch die Berechnungen der Kosten für die Party, die im Durchschnitte vergangener Krisen, drei Jahre nach dem Ausbruch die Staatsschulden real um 90% haben steigen lassen sollen2. Selbst wenn diese Zahlen wissenschaftlich manipuliert sind, zeigen sie aber eins, die Party wurde immer teuer und immer mehr Gäste wurden geladen und fürstlich verköstigt.

Bedenkt man, dass mit dem Übergang zur Inflationszielstrategie Preisstabilität überwiegend als primäres Ziel der Geldpolitik in vielen Industrieländern in den frühen 1990er Jahren und in den Folgejahren auch zunehmend bei Schwellenländern statutarisch verankert wurde, so hieße das, übertragen auf unsere Partykosten, dass diese zumindest im Rahmen bleiben sollten; dem war und ist nicht so.
Auch der Vertrag von Maastricht legt die Sicherung der Preisstabilität als das primäre, geldpolitische Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) fest. Gleichzeitig aber verpflichtete der Maastrichtvertrag auch zur Verwirklichung der Ziele der Gemeinschaft, die in Artikel 2 EG-Vertrag festgelegt sind, wie beispielsweise eine hohe Beschäftigung. Der Humphrey Hawkings Akt aus dem Jahr 1978 – auch full employment and balanced growth act genannt – legt hingegen fest, dass die Förderung des Wirtschaftswachstums neben der Sicherung der Preisstabilität ein gleichrangiges geldpolitisches Ziel der US-amerikanischen Fed ist3.

Wie bei jedem Patchwork ist auch hier das Problem, dass implizite Annahmen, nämlich die eines realen oder strukturellen Zusammenhanges zwischen den heterogenen Elementen, hier Inflation, Preis und Beschäftigung auch tatsächlich bestehen, dessen wissenschaftlicher Begründung wir aber bis heute ausharren. Die Politik des billigen, nunmehr kostenlosen Geldes hat, wie wir sahen, in absoluten Zahlen die größte Weltwirtschaftskrise aller Zeiten verursacht, war zumindest der Hauptfaktor des Desasters. Als Gegenmaßnahme wurden die Leitzinssätze durch die führenden Zentralbanken der Welt auf nahezu Null Prozent abgesenkt. Einigen Ökonomen in den USA reicht das größte Geldmengenwachstum seit dem Beginn der statistischen Erhebungen im Jahr 1918 nicht aus. Sie spielten mit dem Gedanken, negative Leitzinsen festzusetzen, den dann der Präsident der EZB 2017 verwirklicht hat. Wir wohnen zudem leider keinem Gedankenspiel im Elfenbeinturm bei, sondern einem handfesten Lehrstück von politisch-ökonomischer Gesellschaftsklempnerei.

Wie wir am Beispiel der Taylor-Regel sahen, sind Zentralbanken bzw. Regierungen, in deren „Auftrag“ sie dann unabhängig arbeiten, grundsätzlich nicht in der Lage die optimale Geldmenge und also „optimale Leitzinsen“ zu ermitteln:
„Keine Behörde kann im Vorhinein feststellen, sondern nur der Markt kann entdecken, was die ‚optimale Geldmenge‘ ist“4, urteilte einst der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek.

Der Zins als Ausdruck menschlicher Handlungen, die ein Vertragsverhältnis in Geldangelegenheiten eingehen, bei dem ein Austausch mit Risiko in fast jedem denkbaren Niveau von Höhe der Summen, Laufzeiten, Rückzahlungs- bzw. Tilgungsmodalitäten, Ab- und Versicherungen etc. stattfindet, kann nicht überschaut werden. Neben dieser Unüberschaubarkeit bilden Zinsen in einem generellen Sinne den Marktpreis gegenwärtiger Güter in Abhängigkeit künftiger Güter ab. Die Beziehung zwischen Güter und Geldmenge kann auch so ausgedrückt werden, dass je höher durch Sparen der aktuelle Konsumverzicht, desto niedriger ist der Zins, insofern auch einer bestehenden Gütermenge eine abnehmende Geldmenge gegenüber steht. Aber dies wäre per definitionem eine deflationäre Bewegung, die aber gleichzeitig durch einen kleinen Perspektivwechsel wieder so aussieht, dass durch Konsumverzicht und folglich fallenden Zinsen mehr Geld für Investitionen zur Verfügung steht und der Wohlstand kräftig wachsen könnte.

Wechseln wir den Blick erneut und fragen, welche Konsequenzen wir erwarten dürfen, die jene Manipulationen des Geldes und damit der handelnden Menschen ausgelöst haben, die negative Leitzinsen hervorbrachten, dann müssen wir feststellen, dass eindeutig Schuldner in großem Umfang begünstigt worden sind. Banken, Staaten, Unternehmen wurden vor der Pleite gerettet; proaktive Geld- und Wirtschaftspolitik sähe anders aus. Geldverleih heute sieht so aus, dass jemand, der sein Geld in deutsche Staatsanleihen steckt, dafür sogar noch Geld bezahlt, insofern er garantiert weniger zurück bekommt, als er angelegt hat. Wie fürchterlich muss die „Alternative“ aussehen?

Diese „Alternative“ ist eine anti-investive Phantasie oder Antizipation auf seiten von Konsumenten und Investoren zugleich, die eine stark steigende Inflation voraussehen. So stecken die einen ihr Vermögen in immer teurer werdende Immobilien und hoffen, das kein Wertverfall stattfinden wird, betreiben so aber das Gegenteil.
Die Investoren im Bankenbereich schichten Unsummen an Risikokapital in eine Phatansie eines Free Banking Systems, das ihr eigenes, nach monetärer Zentralwirtschaft organisiertes Geschäftsmodell einmal erfolgreich ablösen soll. Oder Staaten finanzieren wilde Projekte, deren Kostensteigerungen den Bauabschnitten weit voraus eilen wie gleichzeitig auch die deutsche Gründlichkeit in Planung und Bauausführung derart schlampige Handhabung verdeutlicht, dass einem das Grauen in die Augen schießt.
Berlin, Stuttgart, Hamburg sind dabei nur die drei Leuchtturmprojekte des Versagens auf allen Ebenen, dessen Ende jede Form von Wirtschaftlichkeitsdenken ad absurdum führt oder geführt hat.

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InflationszielstrategiePreisstabilitätHumphrey Hawkings Akt


1 Lt. Financial Times.
2 Vgl. Reinhart, C./Rogoff, K.(2009): The Aftermath of Financial Crises, Paper prepared for presentation at the American Economic Association meetings in San Francisco, January 3.
Siehe auch Clemens Fuest in: Carmen Reinhart & Kenneth Rogoff: r Krisen gibt es immer wieder, wo er den Datenskandal bei der Auswertung der Finanz- und Wirtschaftskrisen diskutiert.

3 VGl. Judd, J./Rudebusch, G. (1999): The goals of U. S. monetary policy, in: FRBSF Economic Letter, January 29
4 Vgl. Thomas Mayer,Roman Huber: Vollgeld: Das Geldsystem der Zukunft. Unser Weg aus der Finanzkrise eBook.


Kenneth Saul „Ken“ Rogoff (* 22. März 1953 in Rochester (New York))
Carmen Maria Reinhart (* 7. Oktober 1955 in Havanna als Carmen Maria Castellanos)

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