Aus Kapitel 5: Die Entropie der Moderne

DER ABSTURZ INS PHANTASMA

Das Phantasma wie wir es hier veranschlagen wollen, hat nur marginal mit der Sorge bei Heidegger und der Neurose bei Freud zu tun, wiewohl beide Positionen in unserer subsumiert sind. Phantasmen sind weder Primär- noch Sekundärprozesse des Seelenlebens , sondern lassen sich als Existenziale des modernen Menschen vorstellen. In unserer Philosophie besetzen sie die Position einer Bedingungslosigkeit als Grenzwert einer Skala, an der Phantasmen als Vorstellungen von Gefühlen scheinbarer, unvermeidbarer Notwendigkeit imponieren. Vorstellungen und Emotionen also, die wie Sinneswahrnehmungen funktionieren, mit solchen verwechselt werden und die so zu Leitvorstellungen gegenwärtiger und zukünftiger Handlungen werden. Das Kernphantasma der Moderne ist die Vorstellung des Absturzes. Ein materieller Absturz an den Rand subsistenzieller Ohnmacht und Bedürftigkeit, ein sozialer Absturz an den Rand einer Gesellschaft.

Die Vorstellung des Absturzes, die übrigens in zahlreichen Formen im Traum bei Kindern und Erwachsenen vorkommt, ist also konnotiert mit sozialem Absturz in materieller Hinsicht, einmal als Ohnmacht im Sinne des Grenzwertes moderner Autonomie-Vorstellungen, sein Dasein nicht mehr selbst reproduzieren zu können, zum anderen als Grenzwert moderner Sozial-Vorstellungen, sein Dasein nicht mehr als eine Form von wechselseitiger Anerkennung durch und Zugehörigkeit zu den anderen erfahren zu können. So assoziiert das Phantasma des Absturzes auch mit Vorstellungen und Gefühlen von Einsamkeit und Alleinsein, von Verlassenheit als Grenzwert kindlichen Urvertrauens, deren psycho-sozialer Grenzwert die Angst und vor allem die Depression sind.

Schauen wir kurz noch hinter die Kulisse des Absturzes, dann entdecken wir leicht jene Dimensionen, die der Existenzialismus und die Heideggersche Daseins-Philosophie eröffnet haben – lange aber nachdem dies die Literatur und die Malerei schon modulierten. Wir haben die Sorge (Daseinssorge) als ontisch-ontologischen Dauerzustand beschrieben , als einen Zustand inmitten einer Sorge um das eigene Leben, als bedingte Sorge, die als unbedingte Sorge sich existenziell ausdehnt und das ganze Leben erfasst.
Die geht nur unter der Bedingung, dass der Mensch seine Wirklichkeit, also seine Erfahrungen als bedingte Erfahrungen im Umgang mit seinen, zum Lebensvollzug zugehörenden Sorgen aus Arbeit und menschlichen Privatbeziehungen als Unbedingtheit erlebt, so als wäre sein Dasein so wie es ist und vorgestellt werden kann als sein Schicksal, an dem er nichts oder nur marginal noch etwas ändern kann.
Deshalb assoziieren Ohnmacht und Einsamkeit auch mit einer Sorge als solcher, die sich über das gesamte Dasein legt wie Mehltau und in intellektuellen Formen sich als Melancholie entfalten kann. Durchdringt der Blick den Schleier des Mehltaus und der Melancholie, dann öffnet sich der Blick ins Phantasma des Todes, des endgültigen Absturz aus dem Leben ins Nichts. Deshalb sind Depressionen auch so gefährlich in ihrer suizidalen Grenzwertigkeit, weil das Phantasma des Absturzes unterwegs an den Rand des Lebens irgendwann nicht mehr aufgehalten werden kann, mit fatalen Folgen.

Aus Erfahrungen und Experimenten der Psychologie werden Phantasmen geradezu in Reinkultur beschrieben, wenn etwa ein an Krebs erkrankter Mann die Möglichkeit bekommt, an einer Studie teilzunehmen, in der ein neues Mittel erprobt werden soll. Da seine Prognose nicht gut ist, nutzt er die Gelegenheit, nimmt das neue Medikament und das Mittel schlägt bei ihm an, der Krebs verschwindet, er scheint gerettet. Einige Jahre später hört oder liest er durch Zufall irgendwo, dass das Mittel, das ihn rettete, nicht zugelassen worden wäre, da es seinen Nutzen nicht erweisen konnte. Der Mann bekam binnen kurzer Zeit ein Rezidiv und starb. Ähnlich tragisch liest sich auch die Geschichte des Mannes, der versehentlich über Nacht in einen Kühlwagen eingesperrt wurde. Er war überzeugt davon, erfrieren zu müssen und verstarb in dem Wagen, mit typischen Symptomen der Erfrierung, doch die Kühlung in dem Wagen war gar nicht mehr angestellt, er hätte problemlos überleben können.

Was gerne unter der Überschrift: psychogener Tod mit Assoziation zu einer vermeintlichen Kraft von Gedanken bzw. Überzeugungen, mit der Kraft eines religiösen Glaubens und heute als Wissenschafts-Gläubigkeit verhandelt wird, erscheint im Kern als eine psychologische Wirkung, die bis hinein in den physischen Tod zu reichen vermag und ein Spiegelbild abgibt zwischen Wunderheilung und psychogenen Tod. Unter bestimmten Bedingungen, die wir aber einer Situation der Bedingungslosigkeit zugeordnet haben, kann einem der Tod ereilen wie man auch gesunden kann und es spricht manches dafür, dass die Bedingungen für Wunderheilungen wie für die sogenannten Spontanremissionen ähnlich sind, wie für den psychogenen Tod, nämlich Bedingungsloses als scheinbare Notwendigkeiten imponieren.
So kann übertriebenes, grundloses, felsenfestes Vertrauen in den anderen, einen Heiler zum Beispiel, oder bedingungsloses, grenzenloses Vertrauen in und an eine gegebene Situation reichen, die Grenzen zwischen Leben und Tod zu durchmessen. Beide Extreme zeichnen spiegelbildlich die Vorstellungs- bzw. Einbildungskräfte von Phantasmen, in der Medizin auch als Placebo- oder Noceboe-Effekte bekannt.

Inspiriert von der Psychoanalyse forschten und dachten Medizin und Philosophie solchen Wirkkräften im letzten Jahrhundert mannigfach hinterher. In der Philosophie, besonders der französischen ab den 70er Jahren wurden diese Kräfte mit den Kräften des Unbewussten und im Begriff des Begehrens gleichgesetzt. Begehren dort weit mehr als die sexuellen Begierden als Passion gedacht, blieb aber stets im Grundgedanken vom Unbewussten verankert, dass nämlich diese Kräfte sich dem Bewusstsein entziehen; dem folgen wir so nicht, wenn wir von einem Phantasma der Moderne sprechen. Für uns liegen im phantasmatischen Weltbezug keine unbewussten sexuellen oder darüberhinausgehenden Leidenschaften, sondern vorbewusste Vorstellungsbilder, auch Wunschbilder genannt.

So wandern wir über eine heiße Lichtung, ein offenes Gelände in der Mittagshitze und bekommen Hunger und Durst; so die klare und bestimmte wissenschaftlich kategoriale Beschreibung eines hoch komplexen Vorgangs, bei dem sich Individuelles und Kulturelles gerne zu einer Serie von Vorstellungsbildern vermischen. Einer phantasiert vielleicht, ein wenig literarischer von einem kühlen Grunde, wo ein sprudelnder, erfrischender Quell entspringt, wohin es ihn treibt, den Durst zu löschen. Andere phantasieren von einem prall gedeckten Tisch mit gebratenen Tauben und Wachteln oder Fasanenbraten und Wildschweinrücken, wozu man kühles Bier oder frischen Wein reicht, so sie einer Jagd- oder Adelsgesellschaft auf einer Jagd angehören. Im Norden und ein wenig bürgerlicher wird man andere Vorstellungen vom Essen und von Getränken haben als im sonnigen Süden Europas, junge Menschen werden andere Vorstellungen haben als ältere, vielleicht von einem Riesenburger und Craft Beer oder von einem Stillen Wasser zum veganen Süppchen träumen, aber stets werden kulturelle und individuelle Wunschbilder sich einstellen und die Menschen zu Tisch drängen.

Wir nehmen daher anstelle einer unbewussten Leidenschaft und eines Begehrens den alt bewährten Begriff des Drangs, um das einzufangen, worum es geht. Um Vorstellungen, die uns zu etwas drängen, was beides nicht unbewusst, sondern vorbewusst genannt werden kann, weil es unserem Bewusstsein durchaus mit etwas gedanklicher Mühe zugänglich ist wie das Bild vom „Großen Fressen“ und vom zügellosen Drang, beides Extreme auf der gleichen Intensitäts-Skala des Phantasmas vom Hungertod und vom Verdursten. Wenn Elon Musk, Eigentümer von Tesla, SpaceX und Twitter im Anschluss an Teslas Aktionärstreffen in Austin/Texas am Dienstag, dem 16.Mai 2023 in einem Interview mit dem US-Sender CNBC sagt: „Künstliche Intelligenz könnte die Menschheit zerstören“, dann haben wir ein aktuelles, vielleicht auch sein ganz privates Phantasma in Reinkultur in aller Öffentlichkeit.

Wir sehen die Bilder, spüren den Drang, etwas sagen zu müssen, spüren sogar etwas von den Zwängen, die einen leiten, etwas zu sagen, was keiner sinnlichen Wahrnehmung entspricht, was keine empirische Evidenz behaupten kann, was jemanden veranlasst, Dinge zu tun, die scheinbare Notwendigkeit verlangen, obwohl nichts und niemand existiert, der oder das tatsächlichen Grund oder Anlass dazu erkennen lässt.