TĂĽrmer – Seite 125ff

Von jeder einzelnen dieser Frauen ging derselbe Zauber aus, der Zauber der Gelegenheit. Und diese Gelegenheiten brauchte er viele Jahre lang wie die Luft, die er atmete. Und wie die Luft, die er zum Leben brauchte, so brauchte er schließlich auch die Gelegenheit an jedem Tag, um sich lebendig zu fühlen, wie andere Menschen den Schmerz, den sie sich selbst zufügen brauchen, um sich überhaupt noch zu spüren. Das Leben braucht Beweise, dass es ist, und ohne solche Beweise stirbt es ab wie ein einst mächtiger Baum einmal seine Blätter abwirft und nie wieder austreibt.
Mit der Zeit und den Gelegenheiten wurden aber für Türmer die inneren Bilder der Vergangenheit zu dunklen, mächtigen Fetischen, die die einstige Magie der Bilder der Kindheit und der Jugend ins Unermessliche steigerten. Sie wirkten nun als wäre ihr Zauber allein in ihnen und er müsse diese Erinnerungen nur oft genug aufrufen, um die vergangen Zeit wiederherzustellen und die verlorenen Träume Wirklichkeit werden zu lassen.
Wie grausam enttäuschend es doch immer wieder ist, im Inneren zu sehen, dass das Bild der Vergangenheit nicht mehr zurückkehrt in die Gegenwart. Jede einzelne Träne schloss einen dieser verlorenen Momente seiner Liebe und Sehnsucht in sich ein und trübte sowohl den Blick nach innen wie nach außen. Sie wuschen seine Erinnerungen aus seinem Gedächtnis für eine gewisse Zeit, von der er nicht wusste, wie lange sie anhalten würde, bevor die alten Bilder wieder ins Gedächtnis strebten.
Wozu noch den friedvollen Schatten der Bäume und die ängstigenden alten Mühlen aufsuchen, wenn unter dem satten Grün des Laubes ihn die Gewissheit sogleich aufsuchte, dass nichts bleibt von dem, was sich hier traf, außer einer schönen Gelegenheit, die ihre Zeit hat. Sie geht vorüber und reiht sich ein in viele Erinnerungen der gleichen Art und Dauer. Warum die alten Mühlen und Herrenhäuser besuchen, wenn weder der Geist der Ahnen in den Mauern mehr wohnt, wenn nurmehr Mobiliar und mühevoll gemalte Ahnengalerien von einer Geschichte erzählen, die Türmer nicht mehr im Geringsten interessierten. Es gab keine Mysterien mehr, nurmehr eine entseelte Gegenwart.

Der Glaube an die schöne Zeit, die da kommen werde, an eine liebenswerte Zukunft mit ihren kleinen und großen Überraschungen auf einer stabilen Erde, einer festen Grundlage im Vertrauen auf die Dauer von Gemeinsamkeiten und Zuneigung, von aus sein Leben sich entwirft und auf die es zurückschauen kann, war erschüttert. Und wenn ein Glaube an das, was ist und was sein wird, versinkt wie die Sonne hinter dem Horizont, dann überlebt ihn entweder eine kindische Anhänglichkeit an ihn im Glauben an eine bessere Vergangenheit, die perfekt vertuscht, was Jahr um Jahr erlebt wurde, dass sie es nicht war, die bessere Zeit, die verloren ging.
Oder man zieht einen Schlußstrich, jedenfalls meint man, man könnte das so einfach. Aber schon in dem Moment, da man Schluss macht mit dem Glauben an die alten Zeiten, hat man sie bereits zum Fetisch erhoben und ihnen mehr Wert eingeräumt, als der Glaube an sie verdient hat.
Glauben heißt, nicht wissen, so spricht der Volksmund, und Türmer erinnerte sich noch an den Tag, als er alle Konsequenzen gezogen hatte mit einem Federstrich seines Bewusstseins, die Vergangenheit in seinem Bewusstsein beerdigt und dem Vergessen preisgegeben hatte. Seine Göttin war untergegangen. Wie grausig, konstatierte er, wenn Gewöhnlichkeit und nur noch das Näheste die Stelle jener erlesenen Momente seines Lebens einnahmen, wenn das, was allein schon dadurch, dass es verfügbar war, der Glanz des Universums sein sollte.

Wie grausig, wenn leichte Sinne sich zum Sinn des Lebens aufschwingen, welches Bild mochte er jenen Frauen abgeben, wenn nicht das eines hohlen Hans, der das Glück mit Geschäften auf seiner Seite hatte? Türmer war regelrecht zweidimensional geworden, eine glänzende Oberfläche mit einer passablen Rückseite, aber mit wenig Tiefe, wenn überhaupt eine erkennbar wurde.
Small Talk muss man auch erst einmal beherrschen, und den beherrschte Türmer nahezu perfekt. Hatte er Lunte gerochen, konnte er begeisternd reden, wenn nötig ohne Unterlass. Man sah in ihm einen recht guten, eher selten guten Unterhalter, dessen Bildung, Witz und Humor schon mal eine Party oder eine Bar in seinen Bann zu ziehen vermochte. Manchmal kam er sich vor wie ein günstig eingekaufter Clown, der sein Publikum zum Lachen brachte, schöne, semantische Kunststücke reihenweise zum besten gab vor einem Auditorium, das leicht zu unterhalten war.

Manchmal dachte er nach der Vorstellung an die Gespräche mit Albertine, an die Eleganz mit der sie die Gedanken in Worten verschönerte, aber hier nun war keine Schönheit des Geistes mehr zuhause, hier wechselten Gedanken und Worte, Sätze und ganze Passagen wie in einer Gartenanlage oder in einem Wirtshaus, wo Menschen saßen, tranken und das Gespräch die Leere zwischen zwei Getränken nicht wirklich ausfüllten konnte.